strategy dept. | Ehrliches Desinteresse
371
post-template-default,single,single-post,postid-371,single-format-standard,cookies-not-set,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,qode_grid_1300,qode-theme-ver-10.1.1,wpb-js-composer js-comp-ver-5.0.1,vc_responsive

Ehrliches Desinteresse

I ch habe mir vorgenommen öfters zu schreiben. Das bedingt weniger nachdenken, weniger umformulieren und öfters das schreiben, was ich gerade denke. Und da wären wie beim Thema, das ich mit diesem Blog-Beitrag kurz beleuchten möchte: Ehrliches Desinteresse.

Interessanterweise fühlt sich diese Wortkombination widersprüchlich an, ja fast schon falsch im Sinne von verlogen. Das positiv konnotierte «ehrlich» trifft auf das negative «Desinteresse». Gut und böse so nahe beieinander. Ich versuche mal zu erklären, worum es mir geht.

Grundsätzlich braucht es «das Andere» um überhaupt etwas zu begreifen: Es braucht die Nacht, damit wir den Tag als solchen verstehen, den Sommer um den Winter als Jahreszeit zu klassifizieren und so bedarf es eben auch Desinteresse, um Interesse zu schätzen, sich drüber zu freuen.

Wie komme ich darauf? Der ganze Gedankengang würde wohl den Rahmen dieses Blogbeitrags sprengen, aber die Kurzfassung ist die folgende: Ich bin ein furchtbar schlechter Smalltalker. Das habe ich immer als Makel empfunden. Bis mir aufgefallen ist, dass wenn mich etwas interessiert, wenn ich mit jemandem ein gemeinsames Thema in der Tiefe erörtern kann, dann bin ein nicht mal ganz so furchtbarer Konversationspartner. Kurz, mein Interesse ist sehr selektiv. Und so verhält es sich bei den meisten Menschen ja auch. Wenn wir nicht müssen, dann beschäftigen wir uns nicht mit Dingen, die uns nicht interessieren.

«Ja, schön. Und warum erzählt der Yacine uns das jetzt?» – Keine Angst, ich schlage gleich den Bogen zur Kommunikation im Generellen und zur Werbung im Speziellen.

Werbung hat oft das Selbstverständnis der ungeteilten Aufmerksamkeit seines (selbst definierten) Publikums: Emotionaler TV-Spot, lustiger Wettbewerb, raffinierte Medialösung – wer soll sich da nicht freuen, so franko und gratis bespasst zu werden? Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass sich unsere Branche manchmal wie ein verstossener Liebhaber gebärdet, wenn es um Adblocker u. dgl. geht. Wer deswegen aber den Untergang unserer Zunft, wenn nicht gleich des ganzen Abendlandes, proklamiert, dem sei die Idee «Ehrliches Desinteresse» zumindest als Denkanstoss nahegelegt. Wer ernsthaft das Recht einfordert, Menschen aktiv mit Belanglosigkeiten zu penetrieren, der erledigt Arbeit, der wirbt nicht.

«Werben» kommt von «werben»

Werben bedeutet sich attraktiv machen, laut Duden «sich um die Gunst bemühen», ehrliches Desinteresse überwinden – oder akzeptieren. Man kann nicht allen gefallen und das ist irgendwo ja auch gut so. Erst wenn wir ehrliches Desinteresse zulassen, erkennen wir ehrliches Interesse – oder ganz praktisch: die Skip-Funktion als Segen denn als Fluch begreifen.

Was will ich damit sagen? Statt oberflächlich mit allen versuchen einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der bisher davon getrieben worden ist, niemandem allzu offensichtlich vor den Kopf zu stossen, zwingt uns die durch die Digitalisierung eingesetzte Emanzipierung des Konsumenten/der Zielgruppe/der Audience tiefer zu gehen, sich mit dem Menschen und seinen Interessen zu beschäftigen statt an der Oberfläche dümpelnde Allgemeinplätze in Endlosschleife mit bezahlter Reichweite zu wiederholen. Der Purpose oder das Why – so simpel diese Denkmodelle auch sind, so selten konnten Marken (egal ob gross oder klein, international oder Garagen-Startup) mir je eine Antwort liefern ohne die Krücke «wir helfen» zu verwenden: «Wir sind der Enabler, der…» – Gähn.

Interessant zu sein erfordert Mut.

Es brauch nicht besonders viel Chuzpe unverbindlich zu sein, an einer Stehparty den Wetterbericht zu rezitieren («Er hat noch Regen für Morgen.») oder die Canapés vom Catering zu loben – die Person zu sein, die nur unsere Zeit stiehlt, mit ihrer Beliebigkeit unseren Intellekt beleidigt und dank vermeintlicher Höflichkeit nur eines gewinnt: Ehrliches Desinteresse.

No Comments

Post A Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.