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Wir wollen mitsingen

Nothing like a World Cup summer. Wieder ist es soweit, König Fussball übernimmt und das Erdenrund huldigt dem runden Leder: Eidgenossen, Secondos, Terzos und Inländer aller möglicher Herkunft feiern das Grümpelturnier des gemeinnützigen Vereins vom Züriberg – und befeuern eine ewige Diskussion, die meiner Erinnerung nach gar nicht mal so alt ist, wie landläufig kolportiert wird.

Mit meiner bescheidenen Anzahl an Lenzen kann ich mich durchaus noch an Fussballdekaden erinnern, in denen die Sangeskunst kein Aufgebotskriterium war. Die goldene (oder zumindest dunkel-silberne) Generation unter Uli Stielike und Roy Hodgson machten sich nicht die Mühe unseren Schweizer Psalm vor einer jeden Partie zu schmettern als gäbe es kein Morgen. Georges Bregy stand damals genauso schmallippig wie seine Kompatrioten in Reih und Glied. Einigkeit durch schweigen.

«Es gibt keinen Zweiten wie Bregy.»

Bernard Turnheer 

Nach eingehendem Quellenstudium wage ich abschliessend sogar festzustellen, dass die Fans Anfang der 1990er-Jahre im Stadion im Gros auch nur «Looo-lo-lo-loo-looo-loo-looo» anstelle des Hymnentextes gesungen haben und unvergessen bleibt natürlich Viktor Giacobbo alias Harry Hasler mit seiner Schwamendinger Interpretation – heute wäre eine solche Frevelhaftigkeit wahrscheinlich Grund für eine Volksinitiative zur Ausbürgerung Initianten solch zotiger Umdichtungen unseres Psalms.

«Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder.»

Johann Gottfried Seumes

Worauf will ich hinaus? Es wird zu wenig gesungen in der Werbung. Ein eingängiger Jingle hat (immer noch) das herausragende Potenzial eine Marke zu prägen und dessen Kern in wenigen melodiösen Worten auf den Punkt zu bringen – man denke nur an Haribo, Calgon oder den Quick vom Leisi.

Ähnlich verhält es sich auch mit Nationalhymnen. Eine grossartige Nationalhymne hat inkludieren Charakter, keinen ausschliessenden. Die Mutter dieses Genres ist die Marseillaise, die nicht nur mit grandioser Tonfolge überzeugt, sondern auch mit deren Inhalt: Gut gegen Böse. Wer will dem widersprechen? Ist ja auch eine geile Story. (Ähnlich grossartig ist Schottlands «The Flower of Scotland» – vorzugsweise gesungen von Amy Macdonald –, wenn auch etwas politisch korrekter eingefärbt mit dem Hinweis «those days are past now».)

«Allons enfants de la Patrie,
Le jour de gloire est arrivé!
Contre nous de la tyrannie
L’étendard sanglant est levé.»

La Marseillaise

Der republikanische Gedanke als USP einer Nation, die (theoretisch) all ihre Bürger, ungeachtet ihrer Herkunft umarmt und zu den Seinen zählt. Wie bei einer gelungenen Positionierung fällt die Umsetzung für heutige Verhältnisse durchaus radikal aus («aux armes, citoyens») und weist damit die gewünschten scharfen Ecken und Kanten auf.

Die meisten anderen Hymnen, die man so kennt, loben ja schlicht das Heimatland oder irgendein gekröntes Haupt – selten genug mit Begründung. Bedenkt man, dass schon der ausgebeutete Planning-Praktikant in der ersten Lektion des Strategen-1×1 lernt, dass jeder Lobhudelei ein so called Reason Why nachgeschoben werden sollte, dürfte es nicht schaden, würde so mancher Hymnenkomponist nochmals mit irgendeinem Brandkey-Template in Klausur.

Die Schweizer Hymne indes, die ja, wie deren offizieller Titel schon verrät, eigentlich ein Psalm ist, positioniert sich eigentlich ziemlich klar – nur leider hat der Inhalt nicht besonders viel mit dem Kern der Eidgenossenschaft zu tun. Eine Nation, die Gott (welchen auch immer) als gemeinsamen Nenner proklamiert, ist und war die Schweiz historisch nie. Deswegen darf man Volkes Ruf nach der moralischen Pflicht unserer Kicker zum Mitsingen eher als folkloristische Modeerscheinung abtun statt missionarischem Eifer.

«Eine rechte Rösti können nur wenige machen.»

Daniel Bumann

Eben so gut könnte man die Teilnahme der Nati am Brünigschwinget oder das Vorkochen einer knusprigen Butterrösti unter den kritischen Augen Daniel Bumanns obligatorisch erklären. Symbolik statt Inhalt. Und diese Tendenz erleben wir auch bei vielen grossen Marken, die sich dem (vermeintlichen) Zeitgeist unterwerfen, mit Haschtags um sich werfen, alles und vor allem nichts sind und deren Marketingbemühungen man unter dem Prädikat «Hauptsache wir auch» subsummiert werden kann. Bemühungen, die Lebenswirklichkeit in der Schweizer Hymne abzubilden, deren gibt es so viele (zuletzt von der Schweizerischen Gemeinnützigen Organisation) wie Marken, die plötzlich bärtige Männer in Karohemden als deren ideale Botschafter sehen. Deswegen: Man möge sich an seine Wurzeln erinnern und seine Raison d’être. Sei dies bei der Wahl seiner Landeshymne oder – etwas profaner – beim Komponieren eines Jingles. Wir wollen schliesslich alle mitsingen.

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